Straßennamen sind mehr als bloße Orientierungspunkte: Sie spiegeln politische Entscheidungen, gesellschaftliche Werte und historische Machtverhältnisse wider. Besonders im Berliner Bezirk Mitte, der über Jahrhunderte als Regierungssitz verschiedener politischer Systeme diente, lässt sich die bewegte Geschichte Deutschlands anhand der Vielzahl vergangener und gegenwärtiger Straßenumbenennungen nachvollziehen.Diese Publikation untersucht neun Straßennamen, die nach Personen benannt sind, deren Handlungen aus heutiger Sicht als ableistisch oder antisemitisch wahrgenommen werden können oder die dem deutschen Kolonialzeitalter zuzuordnen sind und einer kritischen Auseinandersetzung bedürfen. Im Mittelpunkt steht die Frage, inwieweit ihr Wirken, der Zeitgeist oder die politischen Verhältnisse zum Zeitpunkt der jeweiligen Benennung eine Rolle gespielt haben – und heute noch spielen dürfen.Straßennamen sind Ausdruck gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse und Teil einer verantwortungsvollen Erinnerungskultur. Als Beitrag zu diesem Prozess beleuchtet die Publikation Ambivalenzen, macht historische Zusammenhänge zugänglich und lädt dazu ein, darüber nachzudenken, wen und was wir im öffentlichen Raum ehren.

Einleitung
Straßennamen sind mehr als nur Orientierungshilfen im öffentlichen Raum, sie spiegeln die Einstellungen und Planungen der jeweiligen Benennungszeit wider. Straßennamen ehren Persönlichkeiten und erinnern unter anderem an besondere Ereignisse und Beziehungen zwischen Ländern und Städten. Sie erzählen Geschichten über Macht, Wissen und den Wandel von Werten in einer Gesellschaft. Als Regierungssitz Preußens, des Kaiserreichs, der „Weimarer Republik“, des sogenannten Dritten Reichs, der DDR und nun der Bundesrepublik, ist die Geschichte des Bezirks Mitte unvergleichbar. Dies zeigt sich auch an der Vielzahl historischer und aktueller Straßen(um)benennungen. Eine kritische Auseinandersetzung mit potenziell belasteten Straßennamen ist daher kein Randthema, sondern Teil einer verantwortungsvollen Erinnerungskultur.
Diese Publikation befasst sich mit neun Straßennamen, die nach Personen benannt sind, deren Wirken aus heutiger Perspektive entweder als ableistisch oder antisemitisch wahrgenommen werden kann oder die Akteure der deutschen Kolonialzeit ehren. Der Anspruch ist nicht, umfängliche Biografien zu den hier betrachteten historischen Persönlichkeiten anzubieten. Vielmehr soll angesprochen werden, inwiefern Werk, Zeitgeist bzw. politische Bedingungen zu Zeiten der jeweiligen Benennungen eine Rolle spielten – und heute noch spielen dürfen.
Im Kapitel Ableismus werden Magnus Hirschfeld, Karl Bonhoeffer und Martin Luther betrachtet. Ihre Beiträge zur Medizin und Theologie sind unbestritten prägend. Zugleich werfen bestimmte Schriften, medizinische Konzepte und gesellschaftliche Leitbilder Fragen nach dem Umgang mit aus heutiger Sicht fragwürdigen Positionen zu Behinderung, Krankheit und ‚Normabweichung‘ auf.
Im Kapitel Antisemitismus stehen Persönlichkeiten wie Christian Peter Beuth, Wilhelm von Bode und Max Josef Metzger im Fokus. Dabei geht es unter anderem um die Frage, wie struktureller und kultureller Antisemitismus in Institutionen verankert war, welche Handlungsspielräume bestanden und wie wir heute mit diesen Ambivalenzen umgehen können.
Drei bereits stattgefundene Umbenennungen sind das Thema im Kapitel Kolonialismus. Diese Umbenennungen gehen auf ein jahrzehntelanges Engagement lokaler Initiativen (unter anderem Berlin Postkolonial e.V., Each One Teach One (EOTO) e.V., Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD-Bund e.V.) Decolonize Berlin e.V.) zurück. Aus heutiger Perspektive kaum nachvollziehbar und beschämend, vergingen Jahrzehnte, bevor diese Stimmen gehört und verstanden wurden. Erst seit 2016 wurde sich auf politischer Ebene wirksam damit befasst, Straßennamen, die Kolonialtäter ehren oder potenziell diskriminierende Assoziationen hervorrufen, zu hinterfragen.
Diese Publikation möchte historische Kontexte zugänglich machen, Ambivalenzen aufzeigen und zum Nachdenken darüber anregen, wen und was wir im öffentlichen Raum ehren. Straßennamen sind keine statischen Zeichen, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse. Berlin Mitte befindet sich, wie viele andere Orte, mitten in diesem Prozess.
Ableismus
Eine einheitliche Definition des Begriffs Ableismus gibt es bisher nicht. Er leitet sich vom englischen Wort ableism ab und setzt sich aus (to be) able also „fähig sein“ und der Endung –ism (im Deutschen –ismus) zusammen. Der Begriff stammt aus der US-amerikanischen Behindertenbewegung der 1980er Jahre und beschreibt „die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung, indem Menschen an bestimmten Fähigkeiten – laufen, sehen, sozial interagieren – gemessen und auf ihre Beeinträchtigung reduziert werden.“ (1) Ableistische Denkmuster fixieren – bewusst oder unbewusst – Funktionalität als Norm und führen im Umkehrschluss alles was Menschen mit Behinderungen tun, auf ihre Behinderung zurück: Menschen mit Behinderung verschwinden dabei als vielschichtige Personen hinter diesen stereotypen Annahmen (2). Ableismus ist nicht immer mit Feindseligkeit verbunden, sondern zeigt sich zum Beispiel auch als „Gratulation zum ‚Lebensmut‘, als das überbordende, nicht immer hilfreiche Helfen im Alltag oder in Gestalt von nett gemeinten Tipps, wie man die chronischen Schmerzen (…) ganz einfach los wird.“(3)
Laut der Psychologin, Journalistin und Wissenschaftlerin der Disability Studies, Rebecca Maskos, ergänzt Ableismus den Begriff Behindertenfeindlichkeit, da er breiter ist und ähnlich wie Rassismus und Sexismus „eine Funktion für die Konstruktion von Normalität [erfüllt]: Die Markierung von behinderten Menschen als ‚Andere‘, denen gegenüber sich ein normiertes, autonomes und leistungsfähiges Ideal-Subjekt aufrechterhalten lässt.“ (4)
Diese Konstruktion von einer nicht-behinderten Normalität führt dazu, dass Menschen mit Behinderungen in vielen Lebensbereichen nicht mitgedacht werden. Dies zeigt sich beispielsweise an fehlenden Rampen oder Aufzügen in Gebäuden oder in Veranstaltungen ohne Gebärdensprachübersetzung. Der Status als nichtbehinderter Mensch ist jedoch fragil: Kein Leben geht ohne Beeinträchtigungen zu Ende und Krankheiten oder ein schwerer Unfall können jeden Menschen treffen (5). Während der Begriff Ableismus noch relativ neu ist, findet die Philosophin Dr. Regina Schidel ableistische Denkmuster, zum Beispiel die Entgegensetzung von ,normalem‘ Menschsein zu ,unnormalem‘, bereits im Werk des Gelehrten Aristoteles aus der Antike (6).
Auch der Gedanke, dass ein Leben mit Behinderung nur leidvoll und ein nicht lebenswertes Leben sei, ist Ausdruck ableistischer Denkweisen. Er verschleiert das Vorurteil, dass Menschen mit Behinderungen vor allem eine Last für die Gesellschaft darstellen würden. In den 1920er- und 1930er Jahren verbreitete sich die Lehre der sogenannten Eugenik bzw. Rassenhygiene, die zu diesem Zeitpunkt von vielen als seriöser naturwissenschaftlicher Forschungsbereich angesehen wurde. Die Eugenik fand unter Ärzt*innen aller politischen Strömungen große Zustimmung (7). Unter Eugenik wird die „Lehre von der Verbesserung des biologischen Erbgutes des Menschen verstanden; Maßnahmen zur Verhinderung der Fortpflanzung von Menschen, deren Erbanlagen ,unerwünscht‘ sind“ oder als negativ eingestuft werden, werden als „negative Eugenik “ bezeichnet (8). Mit dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses von 1933, dem sogenannten Erbgesundheitsgesetz, erfuhr das eugenische Gedankengut in Deutschland eine radikale Auslegung (9), und bildete die gesetzliche Grundlage für die Ermordung und Zwangssterilisation von hunderttausenden Menschen mit Behinderungen. Auch bei Tötungen von Menschen mit Behinderungen in der jüngsten Vergangenheit spielen Erlösungserzählungen eine Rolle oder das „Verständnis für überlastete Angehörige oder ausgebeutetes Pflegepersonal verdeckt die Unmenschlichkeit der Tat“ (siehe zum Beispiel den vierfachen Mord an Bewohner*innen des Potsdamer Oberlin-Hauses 2021) (10).
1. Diversity, Arts, Culture o.J.
2. Maskos 2020.
3. Maskos 2020.
4. Maskos 2023.
5. Maskos 2020.
6. Schidel 2026.
7. Herrn 2024. Laut dem Medizinhistoriker lehnten die wenigsten Ärzt*innen dieser Zeit die Eugenik prinzipiell ab.
8. Wunder o.J.
9. Gerres 1996, 12.
10. Maskos 2023.
Karl Bonhoeffer
Der Bonhoefferweg liegt auf dem Gelände der Charité – Universitätsmedizin Berlin. 2018 inszenierte die Studierendengruppe AG Kritische Medizin Berlin eine symbolische Umbenennung. Sie forderte damit von der Charité eine Aufarbeitung ihrer nationalsozialistischen Gesundheitspolitik (11).
Karl Bonhoeffer (1868–1948) war ein international anerkannter Psychiater und Neurologe. An der Charité war er Direktor der Klinik für psychische und Nervenkrankheiten, an der Friedrich-Wilhelms-Universität (heute: Humboldt-Universität zu Berlin) lehrte er Psychiatrie und Neurologie. Familie Bonhoeffer stand dem Nationalsozialismus durchwegs kritisch gegenüber, mehrere Familienmitglieder wurden wegen Widerstand gegen das Regime hingerichtet.
Karl Bonhoeffers Rolle in der Psychiatrie ist oft Gegenstand medizinethischer Untersuchungen. Kritisiert wird seine Haltung zur Eugenik und zum sozialdarwinistischen Menschenbild sowie seine Sprache und sein Verhalten in Zusammenhang mit Zwangssterilisation. Bonhoeffer zählt zu den klinisch und naturwissenschaftlich orientierten Vertretern seines Faches. Er war kraft seiner Ämter in Gesetzgebungsprozesse eingebunden und kritisierte aus naturwissenschaftlicher Sicht allzu forsche Vorstöße in Richtung eugenischer Schwangerschaftsabbrüche, Sterilisation und Eheverbote (12). Juristisch argumentierte er mit dem Persönlichkeitsrecht und mahnte einen vorsichtigen Umgang mit Zwangsmaßnahmen an (13). Der im Erbgesundheitsgesetz vorgeschriebenen Anzeigepflicht von Fällen kam Bonhoeffer, zumindest aus seiner eigenen Behandlungspraxis heraus, nicht nach, da er darin eine Verletzung des Arztgeheimnisses sah (14).
Uwe Gerrens kommt in seiner Dissertation über Karl Bonhoeffers medizinisches Ethos zu dem Urteil, dass dieser sich schlicht wenig für Eugenik interessiert habe (15). Michael Seidel, Oberarzt an der Charité, urteilt hingegen, Bonhoeffer sei in der eugenischen und sozialdarwinistischen Denkweise befangen gewesen. Zwangssterilisation und der „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ habe er zögernd und abwägend, aber prinzipiell nicht ablehnend gegenübergestanden (16). Auch wird Bonhoeffer kritisiert, Begriffe wie ‚Rasse‘, ‚Rassenverbesserung‘ oder ‚minderwertiges Leben‘ gebraucht zu haben. Gerrens sieht darin lediglich einen zeitgenössisch konformen Sprachgebrauch (17).
Karl Bonhoeffers Haltung zur Zwangssterilisation wird in der medizinhistorischen Forschung unterschiedlich beurteilt: von komplett ablehnend bis vorsichtig unterstützend. Sehr kritisch wird seine richterliche und gutachterliche Tätigkeit in Zusammenhang mit Zwangssterilisation gesehen. Als Direktor der Psychiatrischen- und Nervenklinik der Charité und noch nach seiner Emeritierung 1938 war er an zahlreichen Gutachten zur Zwangssterilisierung von ,erbkranken‘ Patient*innen beteiligt. Dazu gibt es unterschiedliche Einschätzungen: Gerrens meint, Bonhoeffer habe sein Bestes getan, um Zwangssterilisierungen innerhalb des gesetzlichen Rahmens und seines gewissenhaften ärztlichen Ethos abzuwenden. Bonhoeffers Nachfolger, Klaus-Jürgen Neumärker, kommt zu dem Ergebnis, er habe es zumindest geschafft, das anfangs willkürliche und schnelle Sterilisieren der Jahre 1933 bis 1936 einzudämmen (18). Kritischer sieht es die Psychologin Christina Härtel: Ihr zufolge lässt sich aus den Gutachten kein Hinweis auf ein Unterlaufen des Gesetzes ablesen, Bonhoeffer habe „nach sorgfältiger Diagnostik sehr wohl die Sterilisation geistig behinderter und psychisch kranker Menschen in größerer Zahl befürwortet und ermöglicht“ (19). Defizite in seiner Sprache und im Menschenbild kann man aus ableistischer Sicht ebenfalls kritisieren. Den ‚Euthanasie‘- Maßnahmen stand Bonhoeffer jedoch klar ablehnend gegenüber. Er nutzte seine führende Stellung in der psychiatrischen Klinik um dagegen anzugehen, appellierte an das ärztliche Ethos seiner Kolleg*innen und an die Wissenschaftlichkeit (20).
Hinsichtlich einer möglichen Straßenumbenennung stellt sich die Frage, ob Bonhoeffer heute noch Vorbildcharakter für junge Mediziner*innen hat. Sollten Straßen zudem weiterhin nach Ärzten benannt werden oder stattdessen nach Opfern von Unrecht und Vertreter*innen anderer medizinischer Berufsgruppen, wie es etwa die AG Kritische Medizin Berlin fordert.
11. Iwamoto 2018. Die Charité reagierte auf den offenen Brief der Studierendengruppe nicht (Stand: 2020). Vgl. Memarnia 2020.
12. Vgl. Meyer 2000, Deichmann 1996, Schwartz 1995.
13. Gerrens 1996, 86.
14. Meyer 2000, 130.
15. Ebd., 78.
16. Seidel/Neumärker 1989, 199.
17. Gerrens 1996, 79.
18. Neumärker 1990, 155, 184, 211.
19. Vgl. den Vortrag „Streitgespräche – Bonhoeffer und die Folgen“ am 03.02.2005, in: Neumärker 2006, 60.
20. Meyer 2000, 130.
Magnus Hirschfeld
Auf der nördlichen Spreeseite, zwischen Luther- und Moltkebrücke, findet sich das Magnus-Hirschfeld-Ufer mit dem Denkmal für die erste homosexuelle Emanzipationsbewegung.
Magnus Hirschfeld (1868–1935) war ein jüdischer Arzt und gilt als Begründer der Sexualwissenschaft. Zeitlebens setzte er sich für die sexuelle Selbstbestimmung aller Menschen ein und war eine der prägenden Figuren der ersten deutschen Homosexuellenbewegung. Sein 1919 gegründetes Institut für Sexualwissenschaft (21) wurde am 6. Mai 1933 von der SA (22) und Studierenden der Deutschen Hochschule für Leibesübungen gestürmt und geplündert. Zahlreiche seiner Bücher und Schriften fielen am 10. Mai 1933 der Bücherverbrennung zum Opfer. Hirschfeld starb 1935 im französischen Exil.
Auch bei Hirschfeld werden Positionen als ableistisch kritisiert, ihm werden vor allem sein Interesse für Eugenik und ein einseitiger Biologismus zur Last gelegt. In seinem 1908 in der Zeitschrift für Sexualwissenschaft veröffentlichten Leitartikel beschreibt Hirschfeld die Verbindung zwischen Sexualwissenschaft und Eugenik folgendermaßen: „denn nur, wenn wir die Gesündesten, Wohlgestaltesten und Gesittetsten zu Ehehälften nehmen, tragen wir zur Veredlung der Rasse bei.“ (23). Hirschfeld trat für eine Eugenik ein, die sich stark von der für Deutschland damals üblichen Rassenbiologie distanzierte. Er verwarf die Einteilung von Menschengruppen als Rassen sowie den damit verbundenen Reinheitsgedanken und hob die Vorteile von ‚Vermischung‘ hervor (24). Als geeignete Mittel für die Verwirklichung des eugenischen Gedankens betrachtete er vor allem Aufklärung in Ehe- und Sexualberatungsstellen und den Einsatz von Verhütungsmitteln oder einvernehmlichen Sterilisierungen. Zwangsmaßnahmen ließen sich nach Hirschfelds Ansicht nur in Extremsituationen rechtfertigen (25). In Hirschfelds Institut war eine solche Ehe- und Sexualberatungsstelle angesiedelt. Wie genau die Ideologie der Eugenik dort vermittelt wurde, kann heute nicht mehr nachvollzogen werden.
Hirschfeld argumentierte dafür, dass Homosexualität eine angeborene Veranlagung sei (26) und plädierte daher für die Aufhebung des §175, der Homosexualität unter Strafe stellte (27). Dazu nutzte er auch eugenische Argumente und brachte die Idee vor, dass Homosexuelle einen eugenischen Nutzen hätten, da sie in Familien wie Schwämme jegliche „Degeneration“ in sich aufnehmen würden ohne sie an Nachwuchs weiterzugeben (28), wie die „asexuellen Blüten der Pflanzen“ (29).
Kritisiert wird Hirschfeld auch wegen seiner Stellungnahme zu einem Gesetzesentwurf des Medizinalrates Gustav Boeters (1869–1942). Der Entwurf sah vor, in Anstalten untergebrachte ‚Geisteskranke, Geistesschwache, Epileptiker, Blindgeborene, Taubgeborene und moralisch Haltlose‘ vor ihrer Entlassung oder Beurlaubung zu sterilisieren. Hirschfeld lobte Boeters in seiner Stellungnahme und freute sich – mochte er den Standpunkt teilen oder nicht – über den Beitrag zur Debatte (30). Irritierend ist Hirschfelds Einsatz für die Eugenik nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten und in seiner Zeit im Exil. Auf das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses von 1933 blickte er mit abwartender Haltung. Er kritisierte die Umsetzbarkeit des Gesetzes, und dass nun Zwangsmittel in die Hände von vom Fanatismus geleiteten Ärzt*innen kamen. Eine prinzipielle Kritik an den Zielen des Gesetzes äußerte Hirschfeld allerdings nicht (31).
Magnus Hirschfeld bezog sich zeitlebens auf das Motto „Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit“ (32); er war ein Aufklärer und Vorkämpfer für Emanzipation, doch sein Biologismus fixierte Sexualität und Geschlechtsidentität auf von der Natur scheinbar vorgegebene Begründungen und blendete gesellschaftliche Machtverhältnisse aus: Schutz und Pathologisierung gingen Hand in Hand (33). In der Eugenik sah Hirschfeld ein Mittel zur „Entstehung einer besseren und glücklicheren Menschheit“ (34), mit dem ‚unerwünschte‘ Beeinträchtigungen vermieden werden konnten. Damit reproduzierte er ableistische Denkmuster. Diese Ambivalenzen in Hirschfelds Denken und Handeln sollten bei der Benennung von Straßen und Plätzen kontextualisiert werden.
21. Das Institut für Sexualwissenschaft (1919–1933) lag vis-à-vis dem heutigen Magnus-Hirschfeld-Ufer, auf der südlichen Spreeseite.
22. Sturmabteilung (SA): paramilitärische Kampforganisation der NSDAP während der Weimarer Republik.
23. Hirschfeld 1908, zitiert nach: Herrn 2003, 111.
24. Vgl. Herrn 2024.
25. Stoff 2023, 310.
26. Gammerl 2023, 41.
27. Gammerl 2023, 74.
28. Marhoefer 2011, 543.
29. Hirschfeld 1914, zitiert nach Marhoefer 2011.
30. Benzenhöfer 2006, 22-23; Seeck 2004, 320f.
31. Herrn 2003, 117f.
32. Seeck 2004, 317.
33. Gammerl, 2023.
34. Hirschfeld 1933, zitiert nach Grumbach 2006.
Martin Luther
Die Lutherbrücke verbindet die Ortsteile Moabit und Tiergarten. Bereits 2020 hat die Bürgerinitiative Prista-Frühbottin-Straßen-Team die Umbenennung der Martin-Luther-Straße in Schöneberg gefordert. Sie kritisierte Martin Luthers Einstellung bezüglich gesellschaftlich Benachteiligten (35).
Der Theologe Martin Luther (1483–1546) erlangte mit dem Anschlag seiner 95 Thesen gegen den Ablasshandel an das Portal der Schlosskirche in Wittenberg große Bekanntheit. Er setzte damit zentrale Impulse für die anschließende Reformation der Kirche. Nach Verbannung durch Papst Leo X. übersetzte er die Bibel ins Deutsche. Infolge des modernen Buchdrucks kam die sogenannte Lutherbibel schnell in Umlauf und beeinflusste die Entwicklung der neuhochdeutschen Sprache entscheidend mit. Umstritten ist Luther unter anderem wegen seiner antisemitischen und frauenfeindlichen Aussagen und seiner Rolle bei den Bauernaufständen.
Folgend soll der Aspekt des Ableismus in Luthers Menschenbild und Werk betrachtet werden. Zu Luthers Lebzeiten gab es den Überbegriff der Behinderung noch nicht und Personen mit verschiedenen Krankheiten oder Beeinträchtigungen erfuhren im Spätmittelalter als „Narren“, „Zwerge“ und unter ähnlichen (Fremd-)Zuschreibungen sehr unterschiedliche Behandlung. Der Historiker H.C. Erik Midelfort spricht von einer fortschreitenden „Dämonisierung der Welt“, unter anderem in Deutschland, ab der Mitte des 16. Jahrhunderts. Das Auf und Ab des Lebens wurde vermehrt auf dämonisches Wirken zurückgeführt (36). Luther war von diesem Denken beeinflusst und trug zu dessen Weiterverbreitung bei, indem er etwa seine Gegner*innen als Agenten des Teufels diffamierte oder über dämonische Erklärungsmuster zu Krankheit und Beeinträchtigung spekulierte (37). Ableistische Kritik an Luther und der Vorwurf, ‚Euthanasie‘-Verbrechen des Nationalsozialismus ideologisch vorbereitet zu haben, sind in der sonderpädagogischen Literatur und darüber hinaus keine Seltenheit (38). Diese Kritik stützt sich fast ausschließlich auf zwei Tischreden Martin Luthers: 4513 und 5207 (39). In beiden Reden berichtet er von „Wechselbälgen“. Hierbei handele es sich um vom Teufel gezeugte Wesen, die in der Wiege mit dem eigentlichen Säugling ausgetauscht würden. In Tischrede 5207 schlägt Luther den Mord an einem „Wechselbalg“ vor und pointiert, „dass solche Wechselkinder nur ein Stück Fleisch, eine massa carnis seien, da keine Seele innen ist [...].“ (40). Dies ist die zentrale Stelle, auf die sich die Ableismuskritik stützt und von der aus abgeleitet wird, Luther spreche allen Kindern mit (schwerer) Behinderung das Recht auf Leben ab.
Folgendes muss hervorgehoben werden: Die meisten Tischreden wurden posthum gesammelt, ergo tragen sie die Handschrift der Personen, die sie niedergeschrieben und publiziert haben (41). Es ist nachträglich kaum auszumachen, ob es sich bei einer Tischrede um spontane Gedanken oder eine durchdachte Positionierung handelte und ob daraus abzuleiten ist, was Luther tatsächlich sagte. In der Rezeption beider Tischreden werden Luthers „Wechselbälge“ fast ausschließlich als Kinder mit (kognitiven) Beeinträchtigungen identifiziert. Der Diakoniewissenschaftler und Pfarrer Nils Petersen schlägt eine andere Interpretation vor: Ihm zufolge handelt es sich bei „Wechselbälgen“ um eine Figur einer europaweit verbreiteten, heidnischen Erzähltradition (42).
Um ein vollständiges Bild von Luthers Ableismus zu bekommen, ist ein genaues Quellenstudium unabdingbar, da er sich im Laufe seines Lebens unterschiedlich zu diversen Themen äußerte. Disability Studies-Forscher*in M. Miles ist der Meinung, dass Luthers Aussagen teilweise von Aberglauben an den dämonischen Ursprung verschiedener Behinderungen, aber zumeist von Fürsorge für Menschen mit Behinderungen geprägt sind (43). Die Religionswissenschaftlerin Courtney Wilder merkt an, dass sich, trotz der berechtigten Quellenkritik, jedoch vor allem Luthers ableistische Aussagen im allgemeinen Bewusstsein festgesetzt haben (44).
Was bedeutet das nun für die Benennung von Straßen, Plätzen und Brücken nach Martin Luther? Unabhängig davon, wie eine differenzierte ableistische Kritik im historischen Studium aussieht, so kann Luther eine Dämonisierung von Behinderung nachgesagt werden. Sollte diese Rezeption ein Eigengewicht haben oder der Vorbildcharakter Luthers für viele Menschen eine größere Rolle spielen?
35. Prößer 2020.
36. Midelfort 1999, 53.
37. Miles 2001, 15.
38. Petersen 2014, 17.
39. In der „Weimarer Ausgabe“, einer kritischen Gesamtausgabe sämtlicher Schriften Martin Luthers, sind die Tischreden von 1-7075 durchnummeriert.
40. Luther [um 1540], zitiert nach Petersen 2014, 46.
41. Miles spricht von teilweise schwerwiegenden redaktionellen Eingriffen. Vgl. Miles 2001, 19.
42. Petersen 2014, 53.
43. Miles 2001, 25.
44. Wilder 2018, 40.
Antisemitismus
Antisemitismus ist die Abwertung und Feindseligkeit gegenüber Juden*Jüdinnen und dem Judentum. Er äußert sich in Diskriminierung, Verschwörungstheorien, Verfolgung und Vertreibung, Ermordung und anderen Formen von Gewalt gegen jüdische Menschen (45).
Eine religiös begründete Judenfeindschaft wird als Antijudaismus bezeichnet und hat ihren Ursprung bereits in der Antike. Zusammen mit dem Christentum verbreiteten sich auch antijüdische Narrative. Über Jahrhunderte waren Juden*Jüdinnen von Stigmatisierung und Ausgrenzung betroffen, die entstandenen Stereotype und Denkmuster wirken bis heute fort. Es ist daher wichtig, die historischen Wurzeln des heutigen Antisemitismus im Christentum und besonders im Mittelalter zu betrachten (46).
Der Begriff Antisemitismus wurde ab 1879 im deutschen Kaiserreich von dem Journalisten Wilhelm Marr und gleichgesinnten „Judenfeinden“ als positive Selbstdarstellung geprägt. Er sollte der „zeitgenössischen judenfeindlichen Bewegungen in Mitteleuropa einen programmatischen, ideologischen und ‚wissenschaftlichen‘ Anstrich geben.“ (47). Laut Jean-Paul Sartre ist Antisemitismus eine grundlegende Haltung zur Welt, mit der alles was in Politik und Gesellschaft unerklärlich zu sein scheint, begreiflich gemacht werden kann (48).
In der gegenwärtigen Diskussion werden vor allem zwei Definitionen von Antisemitismus herangezogen. 2016 nahm das Plenum der „International Holocaust Remembrance Alliance“ (IHRA) eine Arbeitsdefinition von Antisemitismus an, die seitdem als IHRA-Definition bekannt ist. Der Beschlusstext lautet: „Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die sich als Hass gegenüber Jüdinnen und Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.“ (49).
Aus wissenschaftlicher Sicht sind sich viele Antisemitismusforscher*innen einig, dass es keine allgemeingültige Definition von Antisemitismus geben kann, weil er sich immer aus der Gesellschaft heraus formt, die ihn praktiziert (50). Die IHRA-Definition ist jedoch die politische Arbeitsgrundlage für staatliche Anstrengungen gegen Antisemitismus. 2017 wurde sie von der Bundesregierung verabschiedet und bildet seitdem die Grundlage für ein gemeinsames Verständnis von Antisemitismus auf nationaler Ebene (51).
Als Reaktion auf Kritik an der IHRA-Definition wurde 2021 die „Jerusalem Declaration on Antisemitism“ (JDA) veröffentlicht. Sie besagt: „Antisemitismus ist Diskriminierung, Vorurteil, Feindseligkeit oder Gewalt gegen Jüdinnen und Juden als Jüdinnen und Juden (oder jüdische Einrichtungen als jüdische).“ Auch die JDA bleibt nicht unumstritten; besonders diskutiert wird die Frage, ob sie den „gegen Israel gerichteten Antisemitismus angemessen erfasst.“ (52).
Neben Antisemitismus existiert auch der sogenannte Philosemitismus, eine Verehrung und Unterstützung von Juden*Jüdinnen. Der Begriff entstand Ende des 19. Jahrhunderts zunächst als Kampfbegriff antisemitischer Kreise, die damit Linksliberale als „Judenfreunde“ brandmarken wollten (53). Manche Forscher*innen sehen Philosemitismus als eine weitere Form des Antisemitismus, da vermeintliche Komplimente, wie etwa die Behauptung Juden seien besonders klug oder auch das Klischee der „schönen Jüdin“ verallgemeinernd sind und „Juden als Gruppe Eigenschaften zugeschrieben werden, die über ihr faktisches Jüdischsein hinausgehen.“ (54).
45. Amadeu Antonio Stiftung 2022, 6-7; Arps o.J.
46. Bundeszentrale für politische Bildung, Glossar Antisemitismus.
47. Bundesministerium des Inneren, o.J.
48. Sartre 1945, zitiert nach Salzborn 2020.
49. IHRA 2016.
50. Goldenbogen/Kleinmann 2021, 11.
51. Bundesministerium des Inneren o.J., IHRA 2016.
52. Holz 2024.
53. Rosbach 2016.
54. Bundesministerium des Inneren o.J.
Christian Peter Beuth
Die Beuthstraße in Berlin-Mitte liegt in der Nähe des U-Bahnhofs Spittelmarkt (U2). Auch in Berlin-Pankow gibt es eine Beuthstraße.
Christian Peter Beuth (1781–1853) war ein preußischer Beamter und Politiker. In den meisten biographischen Darstellungen werden vor allem Beuths Verdienste im preußischen Staatsdienst, wie etwa seine Reformen der Gewerbepolitik und die Verbesserung der Ausbildung von Technikern, gewürdigt (55). 1821 eröffnete Beuth ein Technisches Institut, aus dem die Technische Hochschule Berlin hervorging. Auch seine Errungenschaften als Erfinder und Techniker finden Beachtung und spiegeln sich in Benennungen von technisch orientierten Firmen, Hochschulen und Preisen wider (56). Seine antisemitische Haltung blieb dabei oft unerwähnt oder lediglich eine Randnotiz.
2017 veröffentlichte Achim Bühl, ehemaliger Professor an der damaligen Beuth Hochschule für Technik (BHT), eine Stellungnahme, in der er Beuths Antisemitismus anklagte. Bühl löste damit eine erste Debatte zu Beuths Antisemitismus aus.
1811 wurde Beuth Mitglied der Deutschen Tischgesellschaft (57) – einem frühantisemitischen, konservativ christlichen Zirkel. Die Deutsche Tischgesellschaft schloss die Teilnahme von Juden*Jüdinnen in seiner Satzung kategorisch aus. Eine Rede, die Beuth für die Gesellschaft hielt, dient als deutliches Beispiel für seine in Gewaltfantasien ausartende Haltung. Er thematisierte unter anderem die potenziellen Konsequenzen, sollte es jüdischen Bürger*innen erlaubt werden Grundbesitz zu erwerben. Beuth behauptete, mögliche jüdische Gutsherren hätten dann auch das Recht, den dortigen Priester zu bestellen und ihn religiöse Rituale wie Beschneidungen durchführen zu lassen, und schloss: „Tröstend ist diese Entscheidung einem Kristen [sic!], denn da von ihm [dem Priester] nicht zu verlangen ist, daß er das Beschneiden versteht: so wird das verbluten, und verschneiden manches Judenjungens die wahrscheinliche und wünschenswerthe Folge davon seyn.“ (58).
Anfang des 19. Jahrhunderts begann sich der christlich motivierte Antijudaismus mit dem „rasseideologischen“ Antisemitismus zu vermischen. In Beuths Aussagen kann man Argumentationsmuster beider Ideologien erkennen (59). Beuths Antisemitismus zog sich durch verschiedene Lebensbereiche und beeinflusste auch seine politischen Entscheidungen: Aufgrund seiner Vorurteile gegenüber Juden*Jüdinnen sprach er sich als Beamter im preußischen Staatsdienst mehrfach gegen die rechtliche Gleichstellung von Juden und Nichtjuden aus. Anderseits ließ er zum Teil liberalere Vorschläge zur preußischen „Judenpolitik“ zu, wenn sich daraus ein politischer Vorteil ergab – zum Beispiel die Nutzung des Kapitals jüdischer Bankiers für den preußischen Fiskus. Er war der Überzeugung, dass Juden*Jüdinnen, die sich ihrer vermeintlich jüdischen Eigenschaften entledigten und zum Christentum konvertierten, als Mitglieder der preußischen Gesellschaft willkommen seien. Dieser Gedanke kollidierte jedoch mit seiner gleichzeitigen Überzeugung, Juden*Jüdinnen seien biologisch nicht dazu fähig einer „respektablen“ Arbeit nachzugehen (60).
Mehrere Historiker*innen kamen zu dem Ergebnis, Beuths Haltung zum Judentum – auch im zeitgenössischen Kontext – sei von einem starken Antisemitismus geprägt (61). Dr. Bert Thissen unterstreicht dabei, dass Beuth sich dieses Denken in späteren Jahren mehr oder weniger bewusst angeeignet hat (62). Nach einem mehrjährigen Diskurs wurde aus diesem Grund im Oktober 2021 die BHT in Berliner Hochschule für Technik umbenannt (63).
Zusätzlich zur Umbenennung der BHT hat es in Berlin-Pankow in den letzten Jahren bereits mehrere Vorstöße zu einer Umbenennung beziehungsweise Umwidmung der dortigen Beuthstraße gegeben. Bisher wurden die Namen Paula Wünsche (1905-1992, jüdische Pankowerin, während dem Nationalsozialismus im kommunistischen Widerstand tätig) (64) und Elizabeth Shaw (1920–1992, Grafikerin und Kinderbuchautorin) diskutiert. 2024 brachte BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN den Vorschlag ein, die Straße umzuwidmen und stattdessen an die jüdische Schriftstellerin Eddy Beuth (Künstlername von Marie Cohn, 1872–1938) zu erinnern.
55. Rudolph/Schölzel 2019, 14.
56. Berliner Hochschule für Technik (o. J.): Christian Peter Wilhelm Beuth.
57. Rudolph/Schölzel 2019, 17.
58. Bühl 2017, 41.
59. Ebd., 13.
60. Rudolph/Schölzel 2019, 3.
61. Ebd., 5.
62. Thissen, 2018, 22.
63. Berliner Hochschule für Technik (o. J.): Neuer Name.
64. Lammel, 120-121.
Wilhelm von Bode
Die Bodestraße verläuft auf der Museumsinsel in Berlin-Mitte, hinter dem Lustgarten, zwischen Altem Museum und dem Kolonnadenhof. Am nördlichen Ende der Museumsinsel liegt das Bode-Museum an der Monbijoubrücke zwischen Spree und Kupfergraben. Namensgebend ist der Kunsthistoriker Wilhelm von Bode (1845-1929).
Bode studierte zunächst Jura, begab sich danach auf kunstgeschichtliche Reisen und promovierte 1870 in Kunstgeschichte. 1872 wurde er in der Skulpturensammlung der Königlichen Museen zu Berlin (65) als Assistent eingestellt. 1905 wurde er der Generaldirektor der Königlichen Museen. 1920 trat er zwar formal zurück, betreute seine Abteilungen bis kurz vor seinem Tod jedoch kommissarisch weiter (66). Bode pflegte umfangreichen Kontakt zu privaten Sammler*innen und Kunsthändler*innen, die ihm seine Expertise und Beratung mit finanzieller Unterstützung und Schenkungen an die Museen dankten. Er erweiterte die Sammlungen maßgeblich und setzte umfangreiche Neubauten auf der Museumsinsel durch, so auch den des Kaiser-Friedrich-Museums (eröffnet 1904), das seit 1956 seinen Namen trägt. Als Ehrung für seine Leistungen, wurde Bode 1914 durch Kaiser Wilhelm II. in den Adelsstand erhoben (67).
Zum Erfolg des Museums trugen jedoch auch andere wichtige Persönlichkeiten wie der jüdische Kunstmäzen James Simon (1851–1932) bei. Beide arbeiteten eng zusammen, international sah man in ihnen „die perfekte Kooperation zwischen einem kreativen Museumsdirektor und einem generösen, kunstsinnigen und verständnisvollen Mäzen.“ (68). Im 1896 von Bode gegründeten Kaiser-Friedrich-Museums-Verein, der das Museum durch großzügige Spenden unterstützte und den Ankauf zahlreicher Gemälde ermöglichte, waren um 1900 rund die Hälfte der Mitglieder jüdischer Abstammung (69).
Trotz enger Geschäftsbeziehungen zu Juden*Jüdinnen, äußerte sich Wilhelm von Bode antisemitisch. In einem Brief an einen Kunstsammler schrieb Bode, er könne es ihm „[…] nicht verdenken, wenn Sie sich Ihre kostbaren Teppiche nicht von jüdischen Plattfüßen abtreten lassen wollen.“ (70). In seinen persönlichen Aufzeichnungen beklagte er 1918: „Schlimmer noch hat die Verjüdelung und das starke Anwachsen des Einflusses der jüdischen Elemente in Deutschland gewirkt, nicht nur in allen Finanzfächern und vielfach auch in der Industrie, vor allem in der Beherrschung fast der ganzen Presse […], die Steigerung der Genußsucht unter Vorrang reicher Juden und auf der anderen Seite die gewissenloseste Aufhetzung der untersten Volksklassen durch jenes jüdische Presseproletariat.“ (71). Bode bediente sich der antisemitischen Verschwörungserzählung der angeblichen Kontrolle der Finanz- und Medienwelt durch Juden*Jüdinnen (72). Er äußerte sich nicht öffentlich antisemitisch, ließ jedoch diese und andere Aussagen in seinen zur Veröffentlichung bestimmten Memoiren stehen. Neben antisemitischer nutze Bode immer wieder nationalistische Narrative wie die „Dolchstoßlegende“ (73) und die Bezeichnung des Versailler Vertrags als „Vernichtungsfrieden.“ (74). In manchen Publikationen wird behauptet, Bode sei 1924 Mitglied der extrem nationalkonservativen Deutschnationalen Volkspartei geworden (75), dies konnte jedoch nicht verifiziert werden. Laut dem Historiker Bernd Sösemann sind Bodes Ausfälle nur begrenzt als Bewältigungsstrategie einer Person zu erklären, die auf den verlorenen Ersten Weltkrieg und den revolutionären Umsturz von 1918/19 reagiert (76).
Es entsteht der Eindruck, dass Bode, ähnlich wie Christian Peter Beuth, jüdische Kolleg*innen und Geldgeber*innen duldete, solange sie ihm oder den Museen einen Vorteil verschafften. Diese Ambivalenz zwischen Geisteshaltung und tatsächlichem Handeln erfordert eine differenzierte, quellenbasierte Betrachtung Wilhelm von Bodes (77).
In einigen Zeitungsartikeln der letzten zehn Jahre wird eine mögliche Umbenennung des Bode-Museums sowie der gleichnamigen Straße thematisiert (78). Auch Dr. Felix Sassmannshausen resümiert in seinem Dossier zu Straßen- und Platznamen mit antisemitischen Bezügen in Berlin, dass eine Umbenennung gegebenenfalls angemessen wäre (79). Dieser Diskurs steht jedoch noch am Anfang.
65. heute: Staatliche Museen zu Berlin, Stiftung Preußischer Kulturbesitz.
66. Justi 1955.
67. Winter 2020.
68. Sösemann 2016, 16-18.
69. Ebd., 16 f.
70. Gaehtgens/Paul, 306.
71. Ebd., 409.
72. Holler o. J.
73. Gaehtgens/Paul, 410.
74. Ebd., 414.
75. Sassmanshausen 2021, 88.
76. Sösemann 2016, 22.
77. Winter 2020.
78. Vgl. Berliner Morgenpost 2016. Berliner Zeitung 2017, erneut veröffentlicht 2020.
79. Sassmanshausen 2021, 88.
Max Josef Metzger
Der Max-Josef-Metzger-Platz in Wedding liegt in unmittelbarer Nähe zum Urnenfriedhof Gerichtstraße und dem silent green Kuturquartier.
Der katholische Priester Max Josef Metzger (1887–1944) wurde wegen seiner pazifistischen Arbeit und der damit verbundenen Kritik gegen das nationalsozialistische Regime hingerichtet. Tief prägend war für Metzger die Erfahrung als katholischer Militärgeistlicher im Ersten Weltkrieg. Zeit seines Lebens gründete und unterstützte er diverse kirchliche Initiativen, die sich für Frieden einsetzten. 1934 wurde Metzger erstmals für seine Schrift „Die Kirche und das neue Deutschland“ inhaftiert, eine zweite Inhaftierung folgte im November 1939, im Zusammenhang mit seinem Engagement für die ökumenische „Una Sancta“-Bewegung (80).
1943 verfasste Metzger ein Memorandum zur staatlichen Neuordnung Deutschlands nach Ende des Krieges und dessen Einbindung in eine zukünftige Weltfriedensordnung. Metzger wollte dieses Dokument an den Erzbischof von Uppsala (Schweden) übergeben, der mit Widerstandskreisen in Verbindung stand. Die Kurierin, eine Vertraute Metzgers, erwies sich jedoch als Gestapo-Agentin und verriet den Geistlichen. Metzger wurde daraufhin festgenommen und am 17. April 1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet (81).
In den frühen 1920er Jahren kritisierte Metzger den Kapitalismus und gründete 1921 die „Christliche Wirtschaftsgemeinschaft“ (Wige[M1] ), die nur christlichen Mitgliedern offenstand und ihren Genossenschaftern durch Ausschaltung des Zwischenhandels günstige Preise ermöglichen sollte (82). Im Zuge der Werbemaßnahmen für die Wige und seiner damit verbundenen Kapitalismuskritik, griff Metzger auf antisemitische Ressentiments zurück. So heißt es in einer Werbeschrift für die Gemeinschaft: „Haben erst einmal die Christen, die es auch in der Wirtschaft ernst nehmen wollen mit ihrem Christentum, sich vom Kapitalismus emanzipiert und sich alle gefunden in einer Gemeinschaft, in der der Jude keinen Platz und daher auch keine Gelegenheit zur Ausbeutung und Übervorteilung der anderen mehr hat, einem judenfreien christlichen Wirtschaftsring, dann ist die Judenfrage für sie gelöst und der Kapitalismus für die Christen aus der Welt geschafft.“ (83). Metzger bediente sich antijüdischer Motive, um die wirtschaftlichen Interessen der Wige durchzusetzen (84). Quellenkritisch - und auch mit Blick auf Metzgers prekäre Situation - sollte seine 1943 im Gestapo-Verhör getätigte Aussage behandelt werden, in der er die Gründung der Wige als „Judenfreien Wirtschaftsring“ als positive Leistung hervorhob (85). 1925 publizierte Metzger einen „Offenen Brief an einen Juden“. Darin unterschied er zwischen „einer jüdischen Gefahr, die von einem gewissen Judentum“ (86) ausgehe und dem Judentum, aus dem Jesus Christus und damit auch die Grundlage für seinen christlichen Glauben hervorgegangen sei. Diese Unterscheidung in „gute“ Juden und „schlechte“ Juden macht deutlich, dass Metzger zu diesem Zeitpunkt noch antijudaistischen bzw. -semitischen Klischees anhing. Seine Argumentation stützte sich dabei höchstwahrscheinlich auch auf den bereits weit verbreiteten Antisemitismus in der deutschen Bevölkerung und der christlichen Kirche. Der Historiker Olaf Blaschke fasst zusammen: „Ohne die judenfeindliche Disposition unter christlichen Wegweisern und Wegsehern wäre die Shoa nicht möglich gewesen.“ (87).
In den späten 1920er und 1930er Jahren scheint Metzger einen Meinungsumschwung durchlaufen zu haben und verweigerte sich dem vom nationalsozialistischen Staat verbreiteten Antisemitismus und der NS-Rassenideologie, da sie seiner Meinung nach christlichen Grundsätzen widersprach (88). Die jüdische Philosophin Annie Kraus bezeugt zudem, dass Metzger und Mitarbeitende der von ihm gegründeten Christkönigsgesellschaft in Berlin einigen Juden*Jüdinnen Unterkünfte, Lebensmittel und falsche Papiere besorgten, wodurch diese sich in Sicherheit bringen konnten (89).
Obwohl Metzger die „Christliche Wirtschaftsgemeinschaft" mit antisemitischen Argumenten begründet hatte und auch später noch antijüdischen Klischees anhing, setzte er sich in Situationen echter Lebensgefahr auch konfessionsübergreifend für andere ein. Mit dieser Haltung fanden Metzger und andere Regimegegner zu dieser Zeit in der katholischen Kirche kaum Unterstützung. (90). Metzger ist ein Beispiel dafür, dass im Zuge von Umbenennungen eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Lebensweg der jeweiligen Persönlichkeit erforderlich ist.
80. Konradsblatt 2024.
81. Gedenkstätte Deutscher Widerstand o. J.
82. Heß 2016, 187.
83. Ebd., 325.
84. Ebd., 328.
85. Ebd., 327.
86. Rendle 202, 287.
87. Benk 2024.
88. Rendle 2021, 288.
89. Heß 2016, 330.
90. Ebd., 262.
Kolonialismus
Zwischen 1884 und 1918/19 errichtete das Deutsche Kaiserreich gewaltsam eine Kolonialherrschaft über Gebiete im heutigen Namibia, Kamerun, Togo, Burundi, Ruanda, Tansania, einem kleinen Teil von Mosambik, sowie Papua-Neuguinea, China, Mikronesien, Samoa und den Marshall-Inseln.
Gewalt war ein zentrales Mittel zur Durchsetzung kolonialer Herrschaft, stieß jedoch auf vielfältigen Widerstand der lokalen Bevölkerungen, der meist brutal niedergeschlagen wurde. Im heutigen Namibia führte die deutsche Kolonialmacht von 1904-1908 einen Vernichtungskrieg gegen die Volksgruppen der OvaHerero und Nama. Etwa 100.000 Menschen wurden gewaltsam getötet, starben an Hunger und Durst oder kamen in Gefangenenlagern um. Historiker*innen bezeichnen den Vernichtungskrieg als ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts (91).
Nach Ende des Ersten Weltkriegs musste das Deutsche Reich im Zuge des Versailler Vertrages seine Kolonialgebiete abgeben. Wie Historikerin Caroline Authaler betont, dauerten „staatliche Kolonialpolitik, koloniales Denken und koloniale Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und den kolonial beanspruchten Gebieten“ jedoch an (92). In der sogenannten Weimarer Republik betrieben einige Verbände und Vereinigungen sogenannten Kolonialrevisionismus. Diese Verbände, wie etwa die Deutsche Kolonialgesellschaft (DKG) oder der Reichsverband der Kolonialdeutschen und Kolonialinteressierten, wurden in der Regel von ehemaligen Kolonialbeamten- und -offizieren geführt und betrachteten den Besitz von Kolonien als Prestigefrage. In der Memoirenliteratur wurde die „Kulturmission der Europäer in Übersee“ (93) glorifiziert und Gewalt und Ausbeutung verharmlost. In den britischen Mandatsgebieten konnten ehemals deutsche Grundstücke und Immobilien zurückgekauft und als privatwirtschaftliche Unternehmen betrieben werden (94). Die Rückgewinnung der Kolonien war für die Nationalsozialisten nie eine Priorität, Afrika sollte jedoch als „Ergänzungsraum“ für das angestrebte Ostimperium fungieren (95). In vielen deutschen Städten lassen sich noch heute Spuren der Kolonialgeschichte im öffentlichen Raum finden, allen voran Straßennamen. Manche Straßen wurden bereits während der formalen Kolonialherrschaft des Kaiserreichs benannt, andere im Nationalsozialismus. Besonders häufig ehren diese Straßen koloniale Täter wie Carl Peters (1856-1918), Adolf Lüderitz (1834-1886), Hermann von Wissmann (1853-1905) und Gustav Nachtigal (1834-1885) (96).
In den vergangenen Jahren wurden mehrere Straßen, die koloniale Täter ehren, in Berlin-Mitte umbenannt. Hinter den Umbenennungen steht wiederholt der oft Jahre dauernde Einsatz lokaler Initiativen.
Die Umbenennungen fanden in verschiedenen Ortsteilen des Bezirks statt, allen voran im Afrikanischen Viertel in Wedding. Das Gebiet wurde ab 1900 am damaligen Stadtrand Berlins strukturiert geplant und umrahmt im Osten und Süden den heutigen Volkspark Rehberge. Hintergrund der Straßenbenennungen war die Idee des Hamburger Zoodirektors Carl Hagenbeck (1844–1913), auf dem Gebiet eine Anlage zu errichten, in der Tiere und Menschen aus den damaligen deutschen Kolonialgebieten Afrikas in „Völkerschauen“ vorgeführt werden sollten. Der Erste Weltkrieg verhinderte Hagenbecks Pläne, die Straßennamen blieben jedoch bestehen (97). Bis 1959 wurden im Afrikanischen Viertel 25 Straßen und Plätze nach afrikanischen Ländern, Orten und Personen der deutschen Kolonialgeschichte benannt. Eine Besonderheit stellt die Ghanastraße dar, die 1958 anlässlich des Staatsbesuchs des ghanaischen Staatsoberhaupts Kwame Nkrumah ihren Namen erhielt. Statt Kolonialrevisionismus spiegelte diese Benennung die Unterstützung des in 1957 unabhängig gewordenen Staates Ghana wider.
Ab 2016 arbeitete das Bezirksamt Mitte mit Bürger*innen und der Zivilgesellschaft zusammen, um Umbenennungsvorschläge für die Lüderitzstraße, den Nachtigalplatz und die Petersallee zu erörtern. Alle drei Straßennamen ehren Personen, die maßgeblich an der gewaltvollen kolonialen Expansion beteiligt waren und von ihr profitierten (98). Die Straßen wurden 2022 und 2024 umbenannt und erinnern heute an den lokalen Widerstand gegen die Kolonialherrschaft.
Aber auch in anderen Teilen des Bezirks fanden sich Straßen und Plätze, die nach diskriminierenden Bezeichnungen für Schwarze Menschen oder Kolonialtätern benannt waren und in der jüngsten Vergangenheit neue Namen erhalten haben, wie der Martha-Ndumbe-Platz und die Anton-Wilhelm-Amo-Straße.
91. Presse- und Informationsamt der Bundesregierung 2025.
92. Authaler 2019, 4.
93. Bundesarchiv o.J.
94. Ebd.
95. Bajohr/O’Sullivan 2022, 196.
96. Bechhaus-Gerst 2019, 42.
97. berlin.de, o. J.
98. Bezirksamt Mitte, Fachbereich Kunst, Kultur und Geschichte (o. J.): Koloniale Straßennamen.
Anna-Mungunda-Allee und Maji-Maji-Allee (vormals: Petersallee)
Beide Straßen liegen im Afrikanischen Viertel im Ortsteil Wedding.
Carl Peters (1856-1918) war ein deutscher Politiker, Publizist und Kolonialist. Er gilt als Begründer der Kolonie „Deutsch-Ostafrika“ (heute: Burundi, anteilig Mosambik, Ruanda und Tansania), ein Gebiet, das er sich durch illegitim abgeschlossene Verträge mit lokalen Herrschern aneignete (99). 1897 wurde er aufgrund seiner äußerst brutalen Behandlung der afrikanischen Lokalgesellschaft seines Amtes als Reichskommissar für das Kilimandscharo-Gebiet enthoben; durch eine spätere Begnadigung Kaiser Wilhelms II. bekam er dennoch eine staatliche Rente (100). Im Nationalsozialismus wurde Peters als „Kolonialheld“ verehrt, 1939 wurde eine Straße im Afrikanischen Viertel nach ihm benannt (101).
1986 wurde die Petersallee auf Wunsch der Anwohner*innen zu Ehren des Widerstandskämpfers gegen das NS-Regime, Hans Peters (1896–1966), umgewidmet. Der Name Peters und die damit einhergehende Erinnerung an den brutalen Kolonisten blieb jedoch weiter im kolonialgeschichtlichen Kontext des Afrikanischen Viertels bestehen und Aktivist*innen forderten jahrzehntelang eine vollständige Umbenennung (102). Die Straße wurde im August 2024 umbenannt: Ein Abschnitt erhielt den Namen Anna-Mungunda-Allee, ein anderer den Namen Maji-Maji-Allee.
Anna „Kakurukaze“ Mungunda (1932-1959) war OvaHerero. Die Tochter eines Wanderarbeiters arbeitete als Hausangestellte. Über Mungundas Leben und die genauen Umstände ihres Todes ist wenig bekannt, ihr Schicksal steht für ein zentrales Ereignis der jüngeren namibischen Geschichte.
In den späten 1950er Jahren wurde Namibia als Mandatsgebiet von Südafrika verwaltet, dass dort sein Apartheidssystem etablierte (103). Im Zuge dessen sollten die überwiegend Schwarzen Einwohner*innen des Stadtteils Old Location in Windhoek in das segregierte Wohngebiet Katutara im Norden der Stadt umgesiedelt werden. Viele Einwohner*innen wehrten sich gegen ihre Zwangsumsiedlung, es kam zu Demonstrationen und Boykotts. Dieser Widerstand wurde am 10. Dezember 1959 brutal niedergeschlagen: Elf Menschen wurden erschossen, darunter Anna Mungunda (104). Mungunda soll angeblich versucht haben, das Auto eines Lokalpolitikers anzuzünden (105). Das Massaker führte zu einer weiteren Radikalisierung der Bevölkerung und verstärkte den Widerstand gegen die südafrikanische Mandatsherrschaft (106). Mungundas Todestag wird in Namibia als nationaler Frauentag begangen.
Seit 2002 wird Anna Mungunda auf dem Heroes‘ Acre in der Nähe von Windhoek als eine von neun Nationalheld*innen Namibias verehrt. Mungundas Geschichte steht für koloniale Willkür, Repression und Gewalt – aber auch für den Widerstand dagegen und den Versuch, unter Unterdrückung ein Leben in Würde zu führen (107).
Der zweite Straßenabschnitt erinnert an den Maji-Maji-Aufstand (1905-1907), einem Widerstandskrieg gegen die deutsche Kolonialherrschaft im heutigen Tansania. Etwa 20 Volksgruppen kämpften vereint gegen die Fremdherrschaft. Die Ursachen für den Maji-Maji-Aufstand liegen in der unmenschlichen, durch Ausbeutung und Gewalt gekennzeichneten, deutschen Kolonialpolitik. Kinjikitile Ngwale (gest. 1905), ein einflussreicher Heiler aus dem Süden Tansanias, soll verkündet haben, er habe die Medizin erhalten, die gegen deutsche Gewehrkugeln unverwundbar mache: Maji (Suaheli für Wasser). So habe er versucht, die Menschen zum Kampf zu motivieren. „Maji-Maji“ wurde zum Schlachtruf und zum Symbol für den gemeinsamen Kampf (108).
Nach anfänglichen Erfolgen scheiterten die Widerstandskämpfer*innen im August und September 1905 an der Einnahme des deutschen Militärpostens Mahenge. Anschließend wendeten die deutschen Truppen die Kriegstaktik der „verbrannten Erde“ an und vernichteten Dörfer und Felder, um den Widerstandskämpfer*innen die Lebensgrundlage zu entziehen. Es kam zu Hungersnöten, der Aufstand wurde niedergeschlagen. Schätzungen zufolge kamen durch den Krieg und seine unmittelbaren Folgen 250.000–300.000 Menschen ums Leben (109).
99. Eckelmann/Wichmann 2020.
100. Ebd.
101. Kauperts o. J.
102. Decolonize Berlin 2025: Unsere Arbeit.
103. Bundeszentrale für politische Bildung 2020.
104. Melber 2016, 1 f.
105. Ebd., 5.
106. Bezirksamt Mitte, Fachbereich Kunst, Kultur und Geschichte (o. J.): Hintergrundinformationen.
107. Ebd.
108. Ebd. Vgl. auch Decolonize Berlin 2025: Unsere Arbeit.
109. Bezirksamt Mitte, Fachbereich Kunst, Kultur und Geschichte (o. J.): Hintergrundinformationen.
Martha-Ndumbe-Platz (vormals: Nettelbeckplatz)
Im Oktober 2025 erfolgte die Umbenennung des Nettelbeckplatzes in Martha-Ndumbe-Platz. Dieser liegt am S-Bahnhof Wedding (Ringbahn).
Joachim Nettelbeck (1738–1824) war Seefahrer und Bürgerrepräsentant in Kolberg (Westpommern; heute: Polen). Als Obersteuermann auf niederländischen Schiffen war er an Menschenhandel, auch am Transport versklavter Menschen über den Atlantik von Afrika in die Amerikas, beteiligt. Als Koloniallobbyist versuchte er wiederholt, den König von Preußen zum Ankauf von Kolonien zu überzeugen (110). Auf Grund seiner Rolle bei der Verteidigung Kolbergs gegen napoleonische Truppen im Jahr 1807 wurde er zum Volkshelden verklärt.
Martha N‘dumbe[M1] [l2] wurde am 27. Juli 1902 in Berlin geboren. Ihr Vater Jacob Njo N‘dumbe (1878–1919) kam 1896 aus Kamerun nach Deutschland. Er war einer von über 100 Menschen, die für die Berliner Kolonialausstellung im Treptower Park aus deutschen Kolonialgebieten nach Berlin geholt wurden. Vor der Kulisse nachgebauter afrikanischer Dörfer war er vertraglich dazu verpflichtet seine Handwerkskunst zu demonstrieren, in Kleidung „die von den Veranstaltern als traditionell erachtet wurde“ (111). Dafür erhielt er ein monatliches Entgelt von 16-20 Reichsmark, was einer heutigen Kaufkraft von unter 200 Euro entspricht (112). Jacob Njo N‘dumbe entschied sich nach Ausstellungsende, in Berlin zu bleiben. Marthas N’dumbes Mutter, Dorothea Grunwaldt[M3] stammt aus Hamburg.
Martha N‘dumbes Leben war von Armut und Ausgrenzung geprägt. Die wirtschaftliche Situation der Familie war prekär, da Jacob Njo N‘dumbe trotz seiner Ausbildung als Schmied keine feste Anstellung finden konnte. Sein Einbürgerungsantrag wurde 1903 abgelehnt. 1910 trennten sich N‘dumbes Eltern, ihre Mutter kehrte nach Hamburg zurück. Sie kam zeitweilig bei Freunden der Familie unter. Im Verlauf der nächsten Jahre litt ihr Vater Jacob zunehmend an gesundheitlichen Problemen und verstarb 1919 im psychiatrischen Krankenhaus Dalldorf (113).
Aufgrund zunehmender rassistischer Diskriminierung und schlechter wirtschaftlicher Bedingungen wurde Schwarze Menschen in Deutschland in den 1920er Jahren zunehmend der Zugang zu Erwerbsarbeit erschwert, zum Teil völlig verwehrt. N‘dumbe hatte Mühe eine feste Anstellung zu finden. Sie arbeitete gelegentlich als Näherin, ab Mitte der 1920er Jahre waren Prostitution und Kleinkriminalität ihre Haupterwerbsmöglichkeiten (114). Die Polizei wurde auf sie aufmerksam und N‘dumbe wurde wegen einer Reihe von Bagatelldelikten verhaftet und verurteilt. 1932 heiratete sie den Arbeiter Kurt Borck. Die Beziehung des Paares war unglücklich und von Missbrauch geprägt, Borck entwickelte sich mit der Zeit zu N’dumbes Zuhälter. 1937 zeigte sie ihren Mann bei der Polizei an und berichtete von der Gewalt in der Beziehung; 1938 wurde die Ehe geschieden [l4] (115).
1943 wurde Martha N‘dumbe wegen Diebstahl und Besitz von Diebesgut zu einer Gefängnisstrafe von anderthalb Jahren verurteilt. Kurz nach dem offiziellen Haftende wurde sie im Mai 1944 im KZ Ravensbrück als „Asoziale“ erneut inhaftiert. Ausschlaggebend für diese Kategorisierung war ihre Prostitution (116). Dem Historiker Robbie Aitken zufolge war Martha N‘dumbe eine von mindestens fünf Schwarzen Frauen, die in Ravensbrück inhaftiert waren (117).
Nach nur einem Monat musste sie ins Lagerkrankenhaus, wo sie am 5. Februar 1945 im Alter von 42 Jahren verstarb. Als offizielle Todesursache wurde Tuberkulose angegeben.
Mitte der 1950er Jahre reichte Dorothea Grunwaldt im Zuge des ersten einheitlichen Bundesentschädigungsgesetzes einen Wiedergutmachungsantrag für den Verlust ihrer Tochter ein[M5] . Sie bezeugte darin das Leid, dass N‘dumbe wegen rassistischer Diskriminierung erlitten hatte. Aufgrund des Status als „Asoziale“ wurde ihr Leiden von den Behörden damals jedoch nicht anerkannt (118). Als „asozial“ verfolgte Menschen erhielten meist keinerlei Entschädigung und wurden erst 2020 offiziell als Opfergruppe anerkannt.
Martha N‘dumbe war als Schwarze deutsche Frau Mehrfachdiskriminierung ausgesetzt. Sie wurde rassistisch diskriminiert, zusätzlich machten ihre prekären Lebensverhältnisse und ihre Prostitution sie zum Ziel nationalsozialistischer Verfolgung. Damit steht sie stellvertretend für eine Opfergruppe, die bisher wenig Aufmerksamkeit erfahren hat.
Im August 2021 wurde für Martha N‘dumbe ein Stolperstein in der Max-Beer-Straße in Berlin-Mitte verlegt – deutschlandweit der erste Stolperstein für eine Schwarze Frau.
110. Lindner/Stehrenberger/Wagner 2020, 12.
111. Aitken 2021.
112. Deutsche Bundesbank 2025.
113. Aitken 2021.
114. Ebd.
115. Aitken 2021.
116. Vgl. Namensverzeichnisse über ein- und ausgegangen Schriftstücke bei der Kriminalpolizeileitstelle Berlin, Bd. 4, Eintrag Nr. 4297, Arolsen Archives.
117. Aitken 2021.
118. Aitken o. J.
Anton-Wilhelm-Amo-Straße (vormals M*straße)
Hinweis: In Bezug auf die bereits erfolgte Umbenennung und im Sinne diskriminierungsarmer Sprache wird in diesem Text die Abkürzung M* verwendet.
Die ehemalige M*straße in Berlin-Mitte kreuzt die Glinka-, Friedrich- und Charlottenstraße. Die afrodeutsche Dichterin und Aktivistin May Ayim[M1] [l2] (1960–1996) protestierte bereits in den 1990er Jahren gegen die Benennung des U-Bahnhofs M*straße. 2004 wurde eine Umbenennung der Straße in der Bezirksverordnetenversammlung Mitte erstmals offiziell gefordert (119). Nach über 30-jährigem Engagement durch Aktivist*innen wurden die Straße und der U-Bahnhof im August 2025 in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umbenannt (120).
Etymologisch ist der Begriff „M*“ bereits in der Antike zu verorten. Das lateinische Wort „maurus“ wurde für Bewohner*innen Mauretaniens und für die der nordafrikanischen Küste verwendet (121). Ab dem 16. Jahrhundert festigt sich der Begriff im deutschen Sprachraum als „eine Fremdbezeichnung für Menschen dunkler Hautfarbe mit Herkunft aus afrikanischen oder auch anderen außereuropäischen Ländern.“ (122). Laut einer Publikation des Instituts für Europäische Ethnologie besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass der Begriff im Kontext der „Rasse“-Theorien der Aufklärung eine rassistische Konnotation erhalten hat (123).
Die M*straße erhielt ihren Namen wahrscheinlich Anfang des 18. Jahrhunderts. Warum der Name gewählt wurde, konnte bisher nicht zweifelsfrei geklärt werden. Manche Historiker*innen vermuten einen Zusammenhang mit den Schwarzen Bediensteten am preußischen Hof (124).
Nachdem die Umbenennung der M*straße im August 2020 bereits von der BVV Mitte beschlossen wurde, verzögerte sich die tatsächliche Umsetzung durch Klagen von Anwohnern um mehrere Jahre. Die Kläger kritisierten mangelnde Beteiligung von Bürger*innen, eine angeblich falsche Begründung und eine Verletzung der landesrechtlichen Vorschriften zur Straßenbenennung. Im Sommer 2025 urteilte das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg, dass der M*-Begriff für Schwarze Menschen „heutzutage jedenfalls teilweise als anstößig empfunden“ werde und eine Umbenennung aus diesem Grund gerechtfertigt sei (125).
Anton Wilhelm Amo gilt als der erste Akademiker afrikanischer Herkunft in Deutschland und lehrte an der Leucorea in Wittenberg und der Friedrichs-Universität in Halle (126), sowie der heutigen Friedrich-Schiller-Universität in Jena.
Amos Biografie lässt sich durch einen Mangel an Quellen nicht vollständig rekonstruieren. Amo wurde um 1700 an der westafrikanischen Küste (heutiges Ghana) geboren und als etwa siebenjähriger von der Niederländischen Westindien-Kompagnie nach Europa gebracht – im Zusammenhang mit kolonialen Handels- und Herrschaftsstrukturen. Dort kam er an den Hof des Herzogs Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel; wahrscheinlich als Teil einer Praxis, bei der afrikanische Kinder als Lakaien europäischen Adelshäusern zugeordnet wurden – ein System, das auf Exotisierung, Statusrepräsentation und rassifizierter Hierarchisierung beruhte (127). 1708 wurde er evangelisch getauft und erhielt den Namen „Anton Wilhelm“, benannt nach dem Herzog von Braunschweig-Wolfenbüttel und seinem Sohn.
Ermöglicht durch finanzielle Förderung der Herzöge studierte Amo ab 1727 an der Friedrichs-Universität Halle Philosophie und Rechtswissenschaften. Zwei Jahre später bestritt er eine Disputation zum Thema „Über die Rechtstellung der Mohren (128) in Europa“. Die Schrift ist nicht erhalten, der Inhalt wurde jedoch in einem zeitgenössischen Zeitungsbericht zusammengefasst (129). Demnach behandelte die Arbeit Fragen zur „Freiheit oder Dienstbarkeit“ von in Europa versklavten Schwarzen Menschen. 1730 erhielt Amo den Magister der Philosophie und der Freien Künste an der Universität Wittenberg und promovierte 1734 mit der Studie „De humanae mentis apatheia“ (Über die Unberührbarkeit des menschlichen Geistes). 1747 soll Amo nach Ghana zurückgekehrt sein und dort in Axim gelebt haben. Sein Sterbejahr ist nicht genau belegt, in der Küstenstadt Shama existiert jedoch ein Grabstein für Amo, mit dem Sterbejahr 1784 (130). Mit der Umbenennung bleibt die historische Verbindung der Straße zur preußischen Geschichte des 18. Jahrhunderts erhalten. Statt einer diskriminierenden Fremdbezeichnung für Schwarze Menschen, trägt die Straße nun jedoch den Namen eines Schwarzen Philosophen der Aufklärung.
119. 1507/II – Antrag „Umbenennung der Mohrenstraße“, Fraktion Die Linke, 21.10.2004.
120. Decolonize Berlin 2025: Wir feiern trotzdem!
121. GRA Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus 2015.
122. Institut für Europäische Ethnologie 2020.
123. Ebd.
124. Ebd.
125. beck-aktuell 2025; beck-aktuell 2023.
126. Seit 1994: Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
127. Institut für Europäische Ethnologie 2020.
128. Ausschreibung da historischer Titel.
129. o. A. 1729.
130. Institut für Europäische Ethnologie 2020.
Literaturhinweise
Ableismus
https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/ableismus-und-philosophie-behindertenfeindliches-denken-hat-tradition (Stand 23.02.2026)
Hirschfeld
Bonhoeffer
Luther
Antisemitismus
Beuth
Bode
Metzger
Kolonialismus
Mungunda und Maji-Maji
Ndumbe
Amo
Impressum
Herausgeber
Bezirksamt Mitte von Berlin
Amt für Weiterbildung und Kultur
Fachbereich Kunst, Kultur und Geschichte
Sachgebiet Erinnerungskultur und Geschichte
Mitte Museum
Regionalgeschichtliches Museum für Mitte, Tiergarten und Wedding in Berlin
Pankstraße 47
13357 Berlin
www.mittemuseum.de
Konzept
Nathan Friedenberg
Susanne Quehenberger
Tabea Thielmann
Recherche
Tabea Thielmann
Texte
Tabea Thielmann
Susanne Quehenberger
Lektorat
Stephanie Wintermann
Luise Haubenreiser
Henriette Giersberg
Nathan Friedenberg
Sensitivity Reading im Bereich Ableismus
Nadja Rothenburger
Gestaltung
Susanne Quehenberger