Gemälde des Monats

Eine Schule im Grünen

Die 32. Gemeindeschule und das Mitte Museum

Die stark vergrößerte Kopie eines Aquarells von Wilhelm Streckfuss begrüßt die Besucher*innen des Mitte Museums in den Räumen der ersten Etage. Es zeigt das "Schulhaus auf dem Gesundbrunnen" im Jahr 1869.

Heute mitten in der Stadt – damals im Grünen: das Gebäude der 32. Gemeindeschule nach Entwürfen des Stadtbaurates Adolf Gerstenberg // Aquarell, Wilhelm Streckfuß, um 1870

Das Gebäude war ein Jahr vorher nach zweijähriger Bauzeit als 26. Gemeindeschule durch den Berliner Magistrat eröffnet worden. Heute gehört es zu den ältesten noch erhaltenen Schulbauten Berlins. Die Schule war für 400 Schülerinnen und Schüler angelegt. Der Schulleiter wohnte im Haus, in einer Wohnung zur Straße hin, unter ihm - im Souterrain  - der "Schuldiener".

Wedding, Gesundbrunnen und Moabit wurden wenige Jahre vorher, 1861, nach Berlin eingemeindet. Das Schulhaus in der Pankstraße war die erste von der Stadt Berlin finanzierte Immobilie in den neuen Stadtteilen. Adolph Gerstenberg, Berliner Stadtbaurat von 1861-1871,  hatte den Bau entwickelt. Durch die wohlüberlegte Positionierung auf dem Grundstück zwischen zwei Schulhöfen, durch die Raumaufteilung im Inneren, die Baumaterialien, die Vorkehrungen zur Brandsicherheit, die Heizungstechnik und die wohlüberlegte Farbgebung der Klassenräume hatte das Gebäude Vorbildcharakter. Grundriss und Raumkonzeption veröffentlichte Gerstenberg in der damaligen Fachpresse für Architekten, zusammen mit den Entwürfen seiner anderen, gleichzeitig realisierten Schulen.

Das Aquarell stammt aus der Sammlung des Stadtmuseums Berlin. Das Mitte Museum freut sich, das Bild in der Ausstellung und auf seiner Website nutzen zu dürfen.

Der Maler schaut auf das kubische Backsteingebäude vom Pastoratsgarten auf der gegenüberliegenden Straßenseite aus. Dieser befand sich hinter dem  Haus des Pastors der Kirche St. Paul. Die Pankstraße, die zwischen dem Garten und der Schule verläuft, ist vor lauter Vegetation nicht zu sehen.  Eine Dame mit roter Haube hält sich zusammen mit dem Maler im Garten auf. Um wen es sich handelt, wissen wir nicht.

Wilhelm Streckfuss (1817-1896) hatte die Gegend am Gesundbrunnen und das Pastorat von St. Paul möglicherweise durch die Familie des ersten Pastors der Kirche, Christian Ferdinand Bellermann (1793-1863), kennen gelernt. Ferdinand Bellermann (1814-1889), ein Verwandter, studiert zusammen mit Streckfuss Malerei an der Berliner Kunstakademie. Bellermann erlangte vor allem durch seine Reisen als Landschaftsmaler nach Mittelamerika Bekanntheit.  Alexander von Humboldt hatte ihn zu diesen Reisen ermuntert. Mit den Werken, die dort entstanden, folgte er der Forderung des berühmten Naturwissenschaftlers, die Erde mit all ihren Phänomenen visuell zu dokumentieren und die Bildende Kunst in den Dienst der  "Erdwissenschaft", einer damals erst neuen wissenschaftlichen Disziplin, zu stellen. Dieser Ansatz war eine ihrerseits neue Funktionszuschreibung an die Kunst. Auch Streckfuss war streng dem damaligen Gebot der korrekten Wiedergabe des Gesehenen in der Malerei verpflichtet. Besonders gut beherrschte er die Perspektive. Er unterrichtete dieses Fach, das damals obligatorisch für alle Künstler war,  1858 veröffentlichte er darüber ein Lehrbuch.

Das Aquarell des Schulhauses auf dem Gesundbrunnen lässt seine Sicherheit in der räumlichen Darstellung gut erkennen. Nicht nur porträtierte der Maler den Kopfbau des bescheidenen doch repräsentativen Gebäudes mit all seinen baulichen Eigenheiten: der sonnenbeschienenen Fassade, dem zweifarbigen Mauerwerk, den Formsteinen und Mauervorsprüngen, den gerafften Rollos hinter den Rundbogenfenstern der Schulaula und der Wetterfahne auf dem Dach. Vielmehr nimmt er in einem überaus flachen Winkel auch die nördliche Fassade des Gebäudes in das Bild mit auf, die zum linken Schulhof hinweist. Perspektivisch genau erfasst er die stark verkürzte Seite. Der Betrachter bekommt eine genaue Vorstellung von der Tiefe des Gebäudes. Außer der Kirche St. Paul auf der gegenüberliegenden Seite der Pankstraße und dem Schulhaus der 26. Gemeinschule gab es hier sonst keine vergleichbar großen Gebäude. Deutlich dürften sich die öffentliche Bauten von der ein- oder zweistöckigen Wohnbebauung in der damals noch dünnbesiedelten Gegend abgehoben haben.

Streckfuss nahm die Gegend am Gesundbrunnen offenbar als einen freundlichen, fast verwunschenen Ort wahr. Auch ein weiteres seiner Bilder entstand hier, doch ist es nur durch ein schwarz-weiß Foto bekannt; das Original gilt als verschollen. Es zeigt ein schön gekleidetes Paar, das sich an einem Sommertag durch ein Hoftor zum Spaziergang aufmacht. In den Sommermonaten wurde die Gegend am Gesundbrunnen gern von wohlhabenden Berliner Bürgern und Künstlern aufgesucht. Vielleicht war Wilhelm Streckfuss einer von ihnen. Adolf Streckfuss (1823-1895), sein Bruder war Schriftsteller und erlangte vor allem durch ein mehrbändiges Werk über die Geschichte der Stadt Berlin Bekanntheit: "Vom Fischerdorf zur Weltstadt" (1885).

Das Aquarell versammelt mehrere Aspekte aus der Geschichte der Gegend, die heute weitgehend vergessen sind: die Rolle der Kirche St. Paul als sozialpolitisch strukturierendes Instrument in der dünnbesiedelten Berliner "Vorstadt"; die enge Verbindung zwischen der Kirche und dem Schulhaus, dessen Grundstück die Gemeindemitglieder in Eigenleistung erworben hatten; die  Eingliederung der Gegend in das Berliner Stadtgebiet 1861; die Funktion des Stadtraums am Gesundbrunnen als Erholungsort,  der weit über die Mitte Hälfte des 19. Jahrhunderts hinaus als solcher genutzt wurde.  Der Stadtteil hat sich seitdem stark verändert. Damals war er vom Berliner Stadtzentrum weit entfernt. Durch die Menschen, die hier lebten, und durch diejenigen, die den Ort zur Erholung aufsuchten, blieb er mit dem Geschehen in der Residenzstadt dennoch verbunden.