INTERVIEW

Sigrid Schulze im Gespräch

Sammlungsleiterin und stellvertretende Leiterin des Mitte Museums geht in den Ruhestand

Sigrid Schulze, Sammlungsleiterin und stellvertretende Leiterin des Mitte Museums, geht zum Juli 2026 in den Ruhestand. Wir haben mit ihr gesprochen – über ihren Weg ins Museum, über fast vier Jahrzehnte Bezirksgeschichte, die Entscheidungen hinter dem Sammeln und die Frage, was ein Museum eigentlich aufbewahren sollte. 

Sigrid Schulze im Portrait vor dem Mitte Museum
Sigrid Schulze vor dem Mitte Museum. Fotografie: Andrzej Raszyk.

Sigrid Schulze weiß, was im Bezirk Mitte liegt – buchstäblich. Als Sammlungsleiterin und stellvertretende Leiterin des Mitte Museums hat sie Umzüge mitgemacht, Bestände erschlossen, Objekte bewertet, eingelagert, wieder hervorgeholt. Was das Museum heute über den Bezirk weiß und zeigen kann, verdankt sich wesentlich ihrer Arbeit über fast vier Jahrzehnte. Zum Juli 2026 tritt sie in den Ruhestand.

Schulze kam über die Kunstgeschichte zum Museum – Studium in Münster, Kopenhagen, Göttingen und Berlin, eigene künstlerische Praxis. Dass das Mitte Museum seit 2009 kontinuierlich am European Month of Photography Berlin teilnimmt, geht auf ihr Engagement zurück. Parallel dazu hat sie über viele Jahre an der HTW Berlin gelehrt und in Fachzeitschriften wie dem Museumsjournal, History of Photography und dem Rundbrief Fotografie publiziert.

In ihrer Zeit im Museum hat sich der Bezirk grundlegend verändert – und mit ihm die Fragen, die ein Museum stellen muss: Was wird gesammelt? Wessen Geschichte? Für wen? Mit diesen Fragen hat Sigrid Schulze nicht nur gearbeitet, sondern sie in konkreten Entscheidungen beantwortet: in Ausstellungen, in Ankäufen, in dem, was sie erkannt hat, bevor andere es sahen. Das Gespräch, das wir mit ihr führen, ist ein Rückblick – auf den Bezirk, auf das Museum und auf eine Arbeit, die zeigt, was es heißt, einem Haus wirklich zuzuhören.

 

Wie sind Sie damals zum Mitte Museum gekommen – war das ein bewusster Schritt, oder eher eine glückliche Fügung?
Es war nur insofern ein bewusster Schritt, als ich dringend eine Arbeit suchte und ein Museum ein Ort war, der für mich auf jeden Fall in Frage kam. Was in jener Anzeige im Tagesspiegel, auf die hin ich mich bewarb, als Aufgaben genannt wurde, traute ich mir zu.  Als glückliche Fügung erwies sich dies erst viel später.  Das Mitte Museum gab es damals noch gar nicht. Es war das Heimatmuseum Wedding, in dem ich 1988 zu arbeiten begann. 2004 ging es – wie auch das Museum des Bezirks Tiergarten und das des alten Bezirks Mitte - im neuen Mitte Museum auf.

 

Ein Berliner Bezirksmuseum ist kein Kunstmuseum, kein Nationalmuseum — was macht diese besondere Form des Arbeitens aus, und was hat Sie dort gehalten?
Die Arbeit in einem Berliner Bezirksmuseum war (und ist) überaus vielfältig, und sie berührt viele Themen und Zeiten der Geschichte. Das war auf jeden Fall ein Aspekt, der mir an der Arbeit gefiel, allerdings auch in Teilen Vertiefung von Themen verhinderte.  Als ich anfing, gab es einige Diskurse, die für Museen heute selbstverständlich scheinen, noch nicht. Sie bildeten sich erst im Lauf der Zeit heraus und waren – jedenfalls in Deutschland – noch keineswegs institutionell etabliert: die Migrationsgeschichte, die Fotogeschichte, die Provenienzrecherche oder die Dekolonisierung der Museen. Arbeiten war vielfach methodisches Erkunden – und Lernen. Zudem veränderte sich die Berliner Museumslandschaft nach der Wiedervereinigung grundlegend. Der fachliche Austausch mit Kolleg*innen in anderen Berliner Museen in den frühen 1990er Jahren war zeitweilig sehr intensiv.
Was mich an der Arbeit im Museum im Wedding besonders faszinierte, war der Kontakt zu den Nutzer*innen des Archivs. Nicht nur, weil ich immer wieder auf Menschen mit ähnlichen Interessen traf, sondern auch, weil Menschen kamen, die noch nie zuvor in einem Museum gewesen waren, und weil ich beobachten konnte, welches Potential selbstformuliertes Befragen von (Stadt-)Geschichte hat. Unser Credo war und ist, jede Frage in gleicher Weise ernst zu nehmen.

 

Welche Ausstellung oder welches Projekt würden Sie rückblickend als das Herzstück der Sammlung bezeichnen?
Herzstück – das ist nicht leicht zu sagen. Auch wenn ich einige Werke aus der Kunstsammlung, der Keramiksammlung und den Nachlässen sehr liebe oder überaus interessant finde, ist mir die Fotosammlung besonders wichtig.
Die Fotografien der Sammlung, die ich vorfand, führte mich alsbald zur Fotogeschichte als einem Fachgebiet, das sich in Deutschland um 1990 erst langsam zu entwickeln begann – anders als im angloamerikanischen und frankophonen Raum. Wichtige Tagungen und Workshops fanden fast ausschließlich im Ausland statt. Wichtige Netzwerker in Deutschland waren Wolfgang Hesse und Wolfgang Jaworek, die Redakteure der von ihnen in den frühen 1990er Jahren gegründete Zeitschrift „Rundbrief Fotografie“. Es gab unendlich viel zu lernen. Im Museum des Bezirks Wedding konnte ich das umsetzen.  1992 finanzierte mir der Bezirk die Teilnahme an einem einwöchigen Workshop an der Konservatorskolen in Kopenhagen. Dafür bin ich Bernd Schimmler, damals Stadtrat für Volksbildung im Bezirk Wedding, bis heute dankbar. Der großartige Mogens S. Koch (1943-2025), der nicht nur in Skandinavien Generationen von Fotorestaurator*innen ausbildete, leitete den Kurs, und stieß auch mir das Tor zur Fotografiegeschichte auf.  Aus der Fotosammlung des Weddinger Museums heraus kuratierte ich später mehrere Ausstellungen, seit 2009 im Rahmen des Europäischen Monats der Fotografie Berlin. Wir konnten Praktikant*innen der Fotorestaurierung und Museumskunde beschäftigen, Masterarbeiten entstanden, auch Publikationen. Aktuell läuft bei uns ein Digitalisierungsprojekt von mehreren tausend schwarzweißen Negativen der Fotografien Monika Uelze (1941-2000) im Rahmen von digiS, also vom Land Berlin finanziert. Mehrere Jahre war ich (Ko-) Sprecherin der Fachgruppe Fotografie im Landesverband der Museen zu Berlin (LMB, heute Berliner Museumsverband).  All das wäre ohne den fotogeschichtlichen Aufbruch der 1990er Jahre nicht möglich gewesen.

 

Sie kennen Mitte wie kaum jemand sonst – nicht nur die großen Linien, sondern das Kleinteilige, Vergessene, Widersprüchliche. Was wissen Sie, das die meisten Berliner*innen nicht wissen? Was weiß die Sammlung des Mitte Museums über den Bezirk, das noch nicht in einem Buch steht?
Berlin-Mitte ist groß. Ich kenne mich vor allem mit der Geschichte von Wedding und Gesundbrunnen aus. Zu den Spezialist*innen für die Geschichte von Berlin-Mitte im Sinne der Doppelstadt Berlin-Cölln, der Stadt der Kurfürsten oder – seit 1701 – der Residenzstadt, zähle ich nicht. 
Was die Sammlung des Mitte Museums über den Bezirk weiß, was kein Buch weiß? Viel, sofern man sich für das Kleinteilige und Vergessene, Widersprüchliche und Alltägliche interessiert. Die großen Linien können andere Museen und Archive besser (unter)füttern.    

 

Gibt es ein Objekt, das Sie abgelehnt haben – und das Sie vielleicht doch manchmal beschäftigt?
Ich glaube nicht, dass es ein Objekt gibt, das ich bewusst abgelehnt hätte, heute aber in die Sammlung aufnehmen würde, wenn sich noch einmal die Gelegenheit dazu ergäbe.  Aber ich denke durchaus an einzelne Objekte oder Objektgruppen, die ich aus Kapazitätsgründen nicht annehmen konnte, sei es aus organisatorischen oder finanziellen Gründen. Da beschäftigt mich noch manches Stück. Die Gelegenheiten waren unwiederbringlich.

 

Was bedeutet es, über das Gedächtnis eines Bezirks mitzuentscheiden – wessen Geschichte bewahrt wird, wessen nicht? Gab es einen Moment, in dem Sie gespürt haben, wie viel Gewicht diese Entscheidungen haben?
Dazu fallen mir zwei Situationen ein: 2025 entwickelte die Künstlerin Maximiliane Baumgartner ein Projekt aus dem Bestand des Weddinger Erzählcafés heraus. „A Hidden well“ heißt die Arbeit. Die Tonkassetten des Erzählcafés in der Malplaquetstraße waren uns 2016 übergeben worden. Das Konzept der Arbeit von Baumgartner sah vor, die Stimmen und Inhalte lebensgeschichtlicher Erzählungen mit dem Kiez, wie er heute ist, zu verflechten. Ihre Arbeit stellte eine Verbindung her zwischen den BesucherInnen des Erzählcafés, das die Sozialpädagogin Sabine Gieschler von 1987 bis 2007 leitete und zu dem sie zwei Mal monatlich einlud, und den Menschen, die heute im Wedding leben. Der Bestand mit hunderten von Tonkassetten erschien mir lange als zu sperrig, unzugänglich, irgendwie hermetisch. Maximiliane Baumgartner hat das Material neu erschlossen. Sie hat es aktualisiert und gezeigt, wie gut es ist, dass die Bänder im Mitte Museum bewahrt werden. Ermöglicht wurde dieses Projekt durch den n.b.k. (Neue Berliner Kunstverein e.V.), begleitet von den Kuratorinnen Susanne Mierzwiak und Feben Amara. Teile der Arbeit werden gerade im Kunstverein Nürnberg noch einmal gezeigt.
Eine andere Situation, die mir einfällt, ist, dass uns 2004 drei Umzugskartons alter Bücher aus den Räumen des Kulturamts Mitte übergeben wurden. Man hatte wohl gemeint, dass diese „Schinken“ der Museumsbibliothek einverleibt werden sollten, allein weil sie alt waren. Bei näherem Hinsehen stellte sich heraus, dass es sich um Teile der Bibliothek des Schriftstellers Paul Gurk (1880-1952) handelte. Ein heute fast vergessener Künstler, der überaus produktiv war, schrieb und veröffentlichte, der komponierte und malte. 1921 erhielt er den Kleist-Preis. Gurk lebte zunächst in der Melchiorstraße im Bezirk Mitte, später in der Afrikanischen Straße im Bezirk Wedding. 1970 ehrte ihn das Kunstamt Wedding posthum mit einer großen Ausstellung, 2025 gab es eine kleinere Ausstellung im Mitte Museum, kuratiert von Jonas Hartmann, CAMPI-Fellow im Mitte Museum von 2022 bis 2025. Die vor 20 Jahren gefundenen Bücher konnten 2024 mit Mitteln der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt buchbinderisch bearbeitet werden. Ein Bestand, den es um ein Haar nicht mehr gegeben hätte, ist gesichert. Als Teil seines Nachlasses kann er zur Neubefragung dieses Künstlers – und all seiner Widersprüchlichkeit – beitragen. Ein purer Zufall, dass wir auf dieses Material gestoßen sind. Um die Provenienz zu erkennen, brauchte es eine gewisse Erfahrung, die sich erst durch die Arbeit selbst bildet. In der Sammlung des Mitte Museums hatte ich sie erworben - und konnte sie hier gezielt einsetzen.

 

Berlin-Mitte hat sich in 30 Jahren radikal verändert. Wie verändert sich ein Museum, das genau diesen Stadtraum dokumentiert, gleichzeitig mit ihm?
In meiner Wahrnehmung entwickeln sich das Mitte Museum und der Stadtraum eher gegenläufig zueinander. Berlin-Mitte erscheint, wie viele Städte heute, in einem Zustand zwischen Verwahrlosung und Überregulierung. Die Oberflächen des Stadtraums decken – in meinen Augen - den Charakter und die Vitalität der Stadt eher zu, als dass diese sichtbar werden.  Das Mitte Museum hat sich seit seiner Gründung ein paar Male neu erfunden, nicht nur bedingt durch den Wandel, den Museen in den letzten vier Jahrzehnten allgemein erlebten. Aus dem Zwang zu Improvisieren ist das Mitte Museum – endlich – heraus und zu einem stabilen Ort geworden, der lebendig und anspruchsvoll zugleich ist, der Charakter hat und offen ist für ein vielfältiges Publikum.  

 

Gab es eine Veränderung, die Sie überrascht hat – im guten wie im schlechten Sinne?
Im Guten: Dass die Besucher*innen die Arbeit des Mitte Museums sehr genau wahrnehmen. Vor allem in letzter Zeit fällt mir das auf: Bei aller Kritik sind die Stimmen zugleich wohlwollend. Das empfinde ich als Ansporn, gute Arbeit zu leisten. Und freut mich sehr!     
Im Schlechten: Wenn diskutiert wird, Museumsbetrieb und Sammlung von einander abzukoppeln. Ob es damit zu tun hat, dass viele Objekte in einer Sammlung wie der des Mitte Museum irgendwie sperrig sind, manchmal auch alltäglich, wenig glamourös und daher vermeintlich unterkomplex? Dennoch überrascht es mich. Für mich ist ein Museum ohne Sammlung kein Museum.

 

Was konnten Sie in diesem Beruf werden, was Sie sonst vielleicht nicht geworden wären?
Ich bin hier zur Fotohistorikerin geworden. Vielleicht hätte das auch woanders geschehen können, aber hier war es auf eine sehr spezifische Weise möglich. 

 

Was werden Sie vermissen – und worauf freuen Sie sich?
Ich werde vermutlich die Fragen der Besucher*innen und Kolleg*innen an die Sammlung vermissen. Wenn sich jemand für ein Stück oder einen Aspekt der Sammlung interessiert oder dem Museum etwas anbietet, was die Sammlung sinnvoll ergänzt, ist das einfach super. Ein Moment, der zeigt, dass die Botschaft der Sammlung – so wenig sie im Fall des Mitte Museums erst ausbuchstabiert worden und so Weniges bisher öffentlich und online einsehbar ist – verstanden wird und sich vermittelt.
Worauf ich mich freue? Aufs selbstbestimmte Arbeiten über Themen, die schon lange auf mich warten.  Und auf mehr Zeit für meine Freunde, meine Familie, die Musik und das Meer.    

 

Sigrid Schulze ist Kunsthistorikerin und Sammlungsleiterin des Mitte Museums. Sie studierte Kunstgeschichte, Germanistik, Skandinavistik und Europäische Ethnologie an den Universitäten in Münster, Kopenhagen, Göttingen und an der Freien Universität Berlin (M.A.). Sie war Lisette-Model-Fellow in Photography der National Gallery of Canada und Gastwissenschaftlerin der National Archives of Canada sowie Stipendiatin des DAAD, der Senatsverwaltung für Kulturelle Angelegenheiten Berlin und der Klassik Stiftung Weimar. Seit 1992 veröffentlicht sie zur Geschichte der Fotografie des 19. und 20. Jahrhunderts; ihre Beiträge erschienen u. a. in Fachzeitschriften wie History of Photography, Museumsjournal und Rundbrief Fotografie.

Die Fragen stellte Luise Haubenreiser, wissenschaftliche Volontärin im Mitte Museum (2025–2027) und CAMPI-Fellow im Fachbereich Kunst, Kultur und Geschichte des Bezirksamts Mitte von Berlin.