ZEITSPRUNG

Beats & Moves – Erzähl Deine Geschichte mit den Berliner Briefen

1948 schreibt Helene 13 Briefe an ihren jüdischen Jugendfreund Hans – über Schuld, Schweigen und ein Berlin in Trümmern. Susanne Kerckhoffs Briefroman fragt, wie eine Gesellschaft mit ihrer NS-Vergangenheit umgeht – aktueller denn je. Im Projekt „ZEITSPRUNG Beats & Moves" greifen Jugendliche diese Fragen heute auf – im Rap-Video und Performance-Workshop. Die Ergebnisse zeigt das Mitte Museum in einer Ausstellung.

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Briefroman sowie eine ehrliche Selbstbefragung zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Die Aktualität des Buches bietet Anlass, um die Folgen rechtsextremistischer Politik autoritärer Systeme zu verdeutlichen.

Helene, eine junge Frau im zerstörten Nachkriegsberlin, schreibt 13 Briefe an ihren jüdischen Jugendfreund Hans Scholem, der vor den Nazis nach Paris floh. Ob sie Antworten erhielt, verrät der Roman nicht.

Kerckhoff veröffentlichte den halb-fiktionalen Roman 1948 im Wedding-Verlag. Sie hinterfragt darin die vermeintlich eingetretene Normalität nach zwölf Jahren NS-Diktatur und dem Zweitem Weltkrieg und beschreibt das Leben in der Berliner Trümmerstadt. Der Roman ist eine persönliche Bestandsaufnahme zu Schuld und Verantwortung, thematisiert Mitläufertum, Verdrängung und Schuldabwehr der Deutschen. Die Autorin befragt Geschichte in ihrer persönlichen Form durch biografische Konfrontation.

Das Projekt nimmt den Briefroman als Ausgangspunkt, um heutige Jugendliche aus ihren eigenen Perspektiven Geschichte befragen und kreativ verarbeiten zu lassen – mit einem Rap-Video und einem Performance Workshop. Die Ergebnisse (Video, Songtexte und Fotografie) werden in einer Ausstellung im Mitte Museum präsentiert. Die Auseinandersetzung mit Susanne Kerckhoffs Briefen soll Schüler*innen helfen, eigene Biografien mit Geschichtsgut verweben zu lassen und mit ihnen über vergangene wie aktuelle Lebensbezüge in Berlin zu sprechen. Die Geschichten ihrer Herkunft werden mit der Geschichte Berlins verarbeitet.

Der Briefroman regt an, über Geschichte aus biografischer Perspektive nachzudenken. Kerckhoff setzte sich mit der verbrecherischen Ideologie des Nationalsozialismus und des Holocaust als Zivilisationsbruch auseinander, thematisierte die Rolle der sogenannten schweigenden Mitte und der freiwilligen Mitwirkung an den Verbrechen der NS-Diktatur und stellte Fragen in einer Zeit großer Unsicherheit über Deutschlands Zukunft. Diese Fragilität spiegelt sich auch in den politischen Herausforderungen, ideologisch geprägten Polarisierungen und Zukunftsängsten unserer heutigen Zeit wider. Es entstehen Anknüpfungspunkte, um die demokratisch geprägte Nachkriegsgesellschaft pluralistisch zu reflektieren mit dem Ziel, Demokratie zu erhalten und zu stärken.

Wir erleben derzeit einen weltweiten Schwund demokratischer Werte und das Comeback totalitärer Ansichten und Systeme. Das Projekt fordert dazu auf, zu debattieren und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen – im Sinne von Kerckhoffs humanistischer Haltung.

Susanne Kerckhoff (1918–1950) war Dichterin, Schriftstellerin und  bedeutende Stimme im literarischen Diskurs der Nachkriegszeit. Sie kämpfte gegen Geschichtsrelativismus, Antisemitismus und parteipolitische Instrumentalisierung. Ihr 2020 neu aufgelegtes Werk zu lesen bedeutet auch, unsere Gegenwart aus geschichtlicher Perspektive zu betrachten und daraus zu lernen.

Kerckhoffs Überzeugung, dass Sprache Veränderung bewirken kann, ist heute, in Zeiten zunehmenden Erstarkens autoritärer Ideologien und „postfaktischer“ Diskurse, aktueller denn je.

 

Kooperationspartner: Workshop und Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Mitte Museum in Berlin-Gesundbrunnen und DOCK e.V.

 

Projektteam:

Tamar Grosz, Tänzerin/Choreografin | Cheick Mamadou Bhoye Jungermann aka Gigo Flow, Rapper/Mediengestalter | Heike Albrecht, Kuratorin/Projektleitung | Carsten Stabenow, Grafikdesign/Ausstellungsszenografie | Andrea Aranda, Kunsthistorikerin/Medienpädagogin